Im Konzentrationslager warteten schon die Häftlinge auf die Neuen. Der Scharführer im Wildpark hatte davon gesprochen. Der Scharführer im Wildpark war auch ein SS-Mann, allerdings schon etwas älter und deshalb vielleicht auch gesetzter als all die anderen. Das Einzige, was ihn als SS-Mann auswies, war, dass er eine SS-Uniform trug, sonst war er ein gemütlicher Mann, der seinen Häftlingen nie etwas zuleide tat.

„Morgen kommen die Rotspanienkämpfer von der Ostmark“, und er fügte noch hinzu, „die haben mit den Bolschewiken in Spanien gekämpft, auch gegen die Deutschen der Legion Condor.“ „Die werden wir uns anschauen“, mit diesen Worten schloss der Scharführer seinen Bericht ab. Gleich am Abend lief der Häftling zur illegalen Lagerleitung. Er berichtete, was er von dem SS-Scharführer erfahren hatte. „Es sind die Ersten die mit der Waffe gegen den Faschismus gekämpft haben. Wie wird die Rache der SS ausfallen?“, fragte einer der illegalen Lagerleitung. Der Häftling antwortete: „Es sind die Ersten, die mit Waffen umgehen können. Es sind die Ersten, die wissen, was Kampf bedeutet. Sie haben unter schwierigsten Umständen mit der Waffe gegen die Faschisten gekämpft, sie verfügen über eine Erfahrung, die die Lagerinsassen nicht haben.“
Die illegale Lagerleitung machte sich Sorgen um ihre Freunde, Genossen, sogar Verwandte. Es war nicht ausgeschlossen, dass die Rotspanienkämpfer sofort nach ihrem Eintreffen ins Konzentrationslager zum Schießplatz gebracht und dort exekutiert werden würden. „Die Häftlinge haben Angst um diese Männer. Was wird mit ihnen geschehen? Werden sie sofort erschossen werden? Der Schießplatz ist nicht weit“, meinte der Häftling. „Denen werden wir helfen“, hatte ein Häftling gehört, als zwei Posten miteinander gesprochen hatten und jetzt erzählte es der Häftling weiter. „Wir müssen versuchen, dass die Rotspanienkämpfer in das Lager kommen und nicht gleich zum Schießplatz geführt werden. Werden sie sofort zum Schießplatz geführt, dann haben wir keine Chance, ihnen irgendwie zu Hilfe zu kommen. Sind sie aber einmal im Lager, so können wir versuchen, sie in den einzelnen Blocks zu verstecken. Ob es was helfen wird, kann ich nicht sagen, aber versuchen müssen wir es. Wir müssen alles versuchen, um sie dem Zugriff der SS zu entziehen.“ „Wenn sie nicht in die Isolierhaft kommen, dann werden die ersten Tage schlimm für sie werden. Die Rotspanienkämpfer werden nicht lange am Leben bleiben trotz ihrer solidarischen Geschlossenheit und ihres Kampfwillens.“ „Das kann sein, aber wir müssen alles versuchen, um das zu verhindern.

Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Männer Soldaten sind und dass sie als Erste gegen den Faschismus gekämpft haben. Ihre Erfahrung mit Waffen kann für uns nur von Nutzen sein.“

Und da kamen sie. Eine Kolonne zog im Gleichschritt durch das Tor. Sie kamen mit erhobenem Kopf, zerlumpt und halb verhungert. Stolz und unbeugsam. Soldaten der Revolution. Dieses solidarische Auftreten verstärkte noch die Besorgnis um die Sicherheit der Rotspanienkämpfer.

Nach dem Tor wurden sie vom Lagerältesten empfangen und zum Aufstellen unweit des Tores eskortiert. Sie wussten, was zu geschehen hatte. Sie nahmen Aufstellung, alles geschah unter eigenem Kommando, sie richteten sich nach dem Vordermann und Seitenmann aus. So standen sie da und so erwarteten sie ihr Todesurteil.

Die SS war aus dem Kasino herausgetreten und beobachtete die Rotspanienkämpfer aufmerksam. Sie waren neugierig auf die Soldaten, die es gewagt hatten, gegen sie zu kämpfen und die, wie sie gehört hatten, sich nichts befehlen ließen. Sie hörten nur auf das Kommando ihres eigenen Offiziers. Die SS rührte sich nicht. Nichts geschah.

Der Lagerführer, ein Hauptsturmführer, hielt den Rotspanienkämpfern eine Rede.
„Ihr seid hier angekommen und wer hier angekommen ist, der hat seine Menschenrechte verwirkt. Bei euch ist die Sachlage noch wesentlich schlimmer, denn durch die Teilnahme am Bürgerkrieg in Spanien, an der Seite der Republik, haben sich die Teilnehmer dieses Krieges außerhalb der deutschen Volksgemeinschaft gestellt. Ihr habt mit der Waffe gegen das deutsche Volk gekämpft. Ihr habt gegen euer eigenes Volk gekämpft, gegen euer eigen Blut. Ihr habt eure Brüder getötet. Ihr habt gegen das höchste Gesetz verstoßen, das es gibt – ein Volk, ein Reich, ein Führer. Ihr habt Verrat am eigenen Volk begangen und Verräter, dass wisst ihr alle, werden an die Wand gestellt. Euch Verrätern hat man die Möglichkeit gegeben, euren Verrat wiedergutzumachen, wenn auch nur teilweise. Ihr könnt euren Verrat sühnen, indem ihr fleißig und ohne Unterlass für den Sieg des deutschen Volkes arbeitet und alles gebt, was ihr zu geben habt. Für euch gibt es keine Freiheit mehr. Ihr habt keine Zukunft, ihr habt euer Leben verwirkt. Das Einzige, was ihr noch für das deutsche Volk vollbringen könnt, ist Buße zu tun, zu arbeiten, um Abbitte des deutschen Volkes zu erlangen. Ihr kommt nur mehr in die Freiheit durch den Rauchfang und was das bedeutet, wird euch recht rasch klar werden. Und jetzt noch einige Regeln und Bestimmungen, die ihr unbedingt befolgen solltet. Keinem Häftling ist es erlaubt, auf der Lagerstraße zu gehen. Es ist nicht erlaubt, ein Buch zu lesen. Es ist nicht erlaubt, eine Zeitung zu lesen. Es ist nicht erlaubt, zu rauchen. Das war alles. Wegtreten!“

Der Kampf ums Überleben hatte begonnen. Der Kampf ums Überleben bedurfte einer straffen Organisation. Die Rotspanienkämpfer spielten dabei eine beachtliche Rolle.